A Quiet Place: Tag Eins
New York gilt als eine der lautesten Städte der Welt. Verkehr, Baustellen, Sirenen und Millionen von Menschen erzeugen eine Geräuschkulisse, die niemals vollständig verschwindet. Als fremdartige Kreaturen über Manhattan herfallen und jedes Geräusch zur tödlichen Einladung wird, verwandelt sich die Metropole innerhalb weniger Stunden in den denkbar schlechtesten Ort zum Überleben.
„A Quiet Place: Tag Eins“ erzählt den Beginn der Invasion aus einer neuen Perspektive. Das Prequel spielt lange vor „A Quiet Place“ und „A Quiet Place 2“. Statt der Familie Abbott steht Samira, genannt Sam, im Mittelpunkt. Sie ist schwer an Krebs erkrankt und lebt in einem Hospiz außerhalb der Stadt. Nur widerwillig nimmt sie mit ihrem Pfleger Reuben an einem Ausflug nach Manhattan teil – begleitet von ihrem auffallend gelassenen Kater Frodo.
Kurz nach ihrer Ankunft beginnt der Angriff. Brennende Fahrzeuge, einstürzende Gebäude und fliehende Menschen sorgen für ein Chaos, in dem niemand die Regeln der neuen Bedrohung kennt. Erst nach und nach wird klar, dass die Kreaturen blind sind und ihre Opfer über Geräusche aufspüren. Die Überlebenden müssen innerhalb kürzester Zeit etwas tun, das in New York beinahe unmöglich erscheint: vollkommen still sein.
Sam schließt sich zunächst dem Strom der Flüchtenden an, verfolgt aber bald ein sehr persönliches Ziel. Während die Behörden versuchen, Menschen aus Manhattan zu evakuieren, bewegt sie sich gemeinsam mit Frodo durch die zerstörte Stadt. Dabei begegnet sie Eric, einem verängstigten britischen Jurastudenten, der ihr nicht mehr von der Seite weicht. Aus der zufälligen Begegnung entsteht eine stille Zweckgemeinschaft zwischen zwei Menschen, die auf sehr unterschiedliche Weise mit Angst und Einsamkeit umgehen.
Im Gegensatz zu vielen Endzeitfilmen handelt „Tag Eins“ nicht in erster Linie von der Suche nach einer Waffe, einem Heilmittel oder einer Erklärung für die Invasion. Sam weiß bereits vor dem Angriff, dass ihre Zeit begrenzt ist. Ihr Weg durch Manhattan bekommt dadurch ein anderes Gewicht: Für sie geht es weniger darum, möglichst lange am Leben zu bleiben, sondern darum, selbst darüber zu entscheiden, was mit der verbleibenden Zeit geschieht.
Regisseur Michael Sarnoski, der zuvor mit dem ruhigen Drama „Pig“ Aufmerksamkeit erhielt, verbindet groß angelegte Zerstörung mit einer ausgesprochen persönlichen Geschichte. Die spektakulären Angriffe bilden den Rahmen, doch viele der wirkungsvollsten Szenen entstehen zwischen Sam und Eric. Blicke, Berührungen und kleine Gesten ersetzen lange Gespräche, weil jedes gesprochene Wort eine Gefahr darstellt.
Lupita Nyong’o spielt Sam mit einer Mischung aus Erschöpfung, Trotz und trockenem Humor. Joseph Quinn verkörpert Eric nicht als kampferprobten Retter, sondern als überforderten Mann, der selbst Halt sucht. Gerade deshalb funktioniert die Beziehung zwischen den Figuren: Beide retten einander, ohne dass daraus eine gewöhnliche Heldengeschichte wird. Frodo wiederum sorgt nicht nur für Spannung, sondern bildet den emotionalen Mittelpunkt vieler Szenen – und beweist eine für Katzen erstaunliche Begabung, im richtigen Moment leise zu sein.
Auch Djimon Hounsou ist erneut dabei. Seine Figur, die in „A Quiet Place 2“ nur als Henri bekannt ist, erhält hier einen kleinen Einblick in ihre Vorgeschichte. Das verbindet das Prequel mit den anderen Filmen, ohne dass Kenntnisse der Reihe zwingend notwendig wären. „Tag Eins“ kann deshalb problemlos als eigenständiger Einstieg gesehen werden.
Die Verlagerung nach Manhattan verändert die vertraute Formel spürbar. Während die ersten beiden Filme vor allem auf Farmen, in Wäldern und verlassenen Industrieanlagen spielten, treffen die geräuschempfindlichen Wesen nun auf eine dicht bebaute Stadt. Enge Straßen, U-Bahn-Tunnel, automatische Türen und die schiere Anzahl fliehender Menschen machen fast jeden Ort zur Falle. Gleichzeitig nutzt der Film Regen, Gewitter und andere Umgebungsgeräusche als kurze Gelegenheiten, in denen die Figuren sich bewegen können.
Mit 99 Minuten Laufzeit bleibt die Geschichte kompakt. Wer eine ausführliche Erklärung zur Herkunft der Kreaturen erwartet, erhält allerdings nur wenige neue Antworten. Das Prequel interessiert sich stärker dafür, was der erste Tag mit einzelnen Menschen macht, als für militärische Gegenmaßnahmen oder außerirdische Biologie. Dadurch fällt der Film emotionaler und stellenweise ruhiger aus, als der große New-York-Schauplatz zunächst vermuten lässt.
Die IMDb-Bewertung von 6,3 liegt unter den Wertungen der beiden Abbott-Filme. Dennoch findet „A Quiet Place: Tag Eins“ einen eigenen Ton innerhalb der Reihe. Der Film verbindet apokalyptischen Horror mit einer melancholischen Geschichte über Nähe, Selbstbestimmung und die Dinge, die selbst am Ende der Welt noch wichtig sein können.